Arthur-Petersen-Preis 2025
203Ausstellung der vier Preisträger*innen des Arthur-Petersen-Preises 2025
Irina Janson, Kommunikationsdesign
Lisa Karnauke, Freie Kunst
Arvid Riemeyer, Industriedesign
Patrick Wüst, Raumstrategien
Kuratiert von Sven Christian Schuch, Künstlerischer Leiter sp ce | Muthesius
Zum dritten Mal vergeben wir den Arthur-Petersen-Preis der Muthesius Kunsthochschule. Mit der Auszeichnung werden aus jedem Studiengang besondere künstlerische oder gestalterische Leistungen durch die Stipendienjury der Kunsthochschule prämiert.
Er ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert, aufgeteilt in vier Preise in Höhe von jeweils 2.500 Euro, die ausgewählte Abschlussarbeiten oder Abschlussprojekte von Masterabsolvent*innen der Studiengänge Freie Kunst, Raumstrategien, Industriedesign und Kommunikationsdesign auszeichnen.
Irina Janson – как хороши горняцкие вечера / wie schön
sind abende in gornyatski
*2025, Fotografie, 80 x 120 cm, Projektion auf Gitternetz, Publikation, 108 Seiten, Offene Fadenbindung, 19,5 x 29,5 cm, durchscheinendes 80g-Papier (Icon Classic extrasmooth)
Die Arbeit an diesem Projekt begann vor zwei Jahren, als Irina Janson 2023 in ihr Heimatland Kasachstan zurückreiste. Nach dem Tod des Großvaters hatte sich die Großmutter entschlossen, das Haus zu verkaufen. In jenem Sommer versammelte sich die ganze Familie dort, um beim Umzug zu helfen und sich mit einem letzten gemeinsamen Aufenthalt von dem Haus voller Erinnerungen zu verabschieden.
Janson begleitetet diesen Abschied mit ihrer Kamera und kam mit über 1.500 Fotografien zurück. Doch es fehlte etwas, es fehlte Kontext, es fehlte die Zeit zwischen den Fotos ihres ersten Besuches von 2003 und denen von 2023. Schließlich entschied sie sich, das Material in einer gemeinsamen Erzählung in Form eines Fotobuchs zusammenzuführen und zu versuchen, die Aufnahmen aus den Jahren 2003 und 2023 an einem neuen Ort und in einer neuen Zeit miteinander zu verbinden.
Den Titel des Buches hat Janson letztlich auf der Rückseite eines Fotos entdeckt, welches ihre Großeltern 2002 an ihre Mutter schickten und mit der kurzen Zeile versahen: „wie schön sind abende in gornyatski“. Die Gegenwärtigkeit dieses Satzes ergänzt die visuelle Erzählung um eine narrative, emotionale Ebene und markiert die analoge Fotografie als ein Spurenmedium, was eng mit ihrem Referenten verbunden ist. Sie verweist auf etwas Abwesendes und erweckt zugleich den Eindruck, es sei gegenwärtig. Sie zeigt, dass etwas da war und damit auch, dass es nicht mehr ist.
Um dieses Gefühl der Lücke, von (Un-)Sichtbarkeit zu übertragen, entwickelte Janson die Idee, das Buch in eine Installation zu übertragen. Sie projiziert die Archivfotografien in den Raum, wo sie auf flächige semiluzide Netzstrukturen fallen, die je nach Raumhelligkeit die Fotografien einfangen und gleichzeitig durchlassen.
Die Bilder erscheinen für einen kurzen Moment scharf, lösen sich dann wieder auf und schaffen Raum für die nächsten. Die Bildabfolgen geschehen zufällig und bilden bei jeder Betrachtung neue Kombinationen und Zusammenhänge. Die Projektionen reagieren auf ihr Umfeld: Die Netze drehen sich bei Bewegung im Raum und die Bilder erscheinen verzerrt oder doppelt auf den sichtbaren Flächen, die sie einfangen.
Die Aufnahmen aus den Jahren 2003 und 2023 ersetzen einander dabei nicht, sondern treten nebeneinander auf – auf den transparenten Buchseiten ebenso wie in den durchscheinenden Projektionen als auch in großen Drucken an der Wand. So sammeln sich immer mehr Bilder an und ermöglichen es, dass all diese eingefrorenen Augenblicke an einem Ort und in einer Zeit gleichzeitig gegenwärtig sind – oder zumindest für einen Moment die Zwischenräume erfahrbar machen.
Lisa Karnauke – The sky is the limit
*2025, Videoinstallation mit Betonobjekt, Stahlketten, Beton, Beamer
In Installationen und Interventionen erarbeitet Lisa Karnauke Plattformen, die sie als Angebot zur mehrschichtigen Auseinandersetzung in ein bestehendes Umfeld einfügt. Dabei kombiniert sie gewöhnliche Materialien des Alltags – wie sie im Super- oder Baumarkt zu finden sind –, Sound, Sprache & Bewegtbild.
Karnauke entwickelt Szenarien, die Verhältnisse zwischen Individuum und gesellschaftlichem Anspruch verarbeiten. Anstatt nach Perfektion sucht sie nach spielerischen, authentisch-menschlichen, nicht-logischen Zugängen zu dem, was sie im Bedeutungskonzept „Kunst“ ihrer Generation wiederfinden möchte.
In der raumgreifenden Videoinstallation »The sky is the limit« werden zwei Kinderspiele zum Ausgangspunkt eines repetitiven Abmühens und Verharrens. Alles ist möglich, the sky is the limit. Gleichzeitig setzt aufgrund ebendieser Möglichkeiten eine Trägheit ein, aus der im rein repetitiven Modus nicht herausgefunden wird.
Der Gesang einer weiblichen Stimme erklingt im Raum: „The limit is the sky sky sky | I wonder if I try try try | ´til now I touch the ground ground ground | just play another round round round.“ Die Melodie entspricht dem Kinderlied „Bei Müller hat´s gebrannt“.
Den Gesang begleitet ein Klatschspiel eines einzelnen Paares Hände, das überdimensional an zwei Wände projiziert wird. Im Hintergrund ziehen Wolken vor blauem Himmel vorbei. Das Spiel wird immer schneller, ebenso der Gesang, bis sich das Klatschspiel verhaspelt und die Stimme im Raum, scheinbar in Richtung Himmel, verliert und verhallt. Im Raum hängt eine Schaukel an Rundstahlketten von der Decke herab. Sie ist aus Beton gefertigt, auf ihrer Sitzfläche findet sich der Imprint „THE SKY IS THE LIMIT“.
Die Installation bricht paradoxal mit den Erwartungen der im Raum befindlichen Spuren: Die schwungvolle Leichtigkeit und Unbeschwertheit der Schaukel werden durch das Material Beton und ihre einsame Platzierung im Raum gebrochen. Die Unbekümmertheit des Klatschspiels vor kitschig-wolkigem Himmel wird durch eine Einseitigkeit des Spiels, die Einsamkeit des Gesangs einer verhallenden Stimme sowie den Inhalt des gesungenen Textes kontrastiert. Der Text des Singsangs vermittelt eine Unendlichkeit der Möglichkeiten, der jedoch nicht entgegengetreten wird. Die scheinbare Unendlichkeit der Möglichkeiten wird zur unsichtbaren Grenze, sie entspricht dem Unbekannten. Die Betrachtenden werden durch das überdimensional projizierte Klatschspiel zusätzlich in ihrem Raum- und Körpergefühl konfrontiert und herausgefordert.
Arvid Riemeyer – OnSpot – Mikromobilität für das urbane Handwerk
*2025, Die Verkehrswende inklusiv gestalten, Aluminium, 3D-Druck
»Eine Arbeit, die verdeutlichen soll, wie wichtig es ist, im Prozess nah am Menschen zu bleiben und eine andere Perspektive einzunehmen. Umgesetzt mithilfe eines kleinen Accessoires in mitten der Mobilitätstransformation - einem Fahrradanhänger für eine übersehene Zielgruppe.« Arvid Riemeyer
Als Gesellschaft streben wir zunehmend danach, die Mobilität zu transformieren, um nachhaltiger zu leben. Arvid Riemeyer hat sich für seine Abschlussarbeit die Frage gestellt: Vergessen wir dabei eine essentielle Gruppe, die maßgeblich dazu beiträgt, unseren Alltag aufrecht zu erhalten: das Handwerk?
Um das Problem wirklich zu verstehen, ließ Riemeyer den Schreibtisch für einen Monat hinter sich und begab sich mit Handwerkern auf die Straßen Kiels, um den Lebensalltag zu recherchieren und hautnah zu erfahren.
Er begleitete sie auf ihren Touren und schaute, was wird an Arbeitsmaterialien gebraucht; wie gestaltet sich der Weg vom Betrieb bis zur letztendlichen Dienstleistung beim Kunden? Und welche organisatorischen und infrastrukturellen Herausforderungen entstehen dabei?
»Ich brauche zwischen 5 und 15 Minuten, um einen Parkplatz zu finden. Oft parke ich bis zu 200 Meter von der Haustür entfernt und gehe je nach Auftrag 1–3 Mal hin und her. Meistens trage ich dabei auch Werkzeuge oder Material. Das summiert sich. Rechne das ruhig mal nach, wenn du willst.” – Stefan S., Gebäudemanagement
»Wir haben genug zu tun! Kundenanfragen ohne direkte Parkmöglichkeiten müssen wir ablehnen. Wir müssen aufs Rad umsteigen, doch noch gibt‘s nicht genügend passende Lösungen.” Installationsfirma aus Kiel
Seine Recherche zeigte, das geeignete Gewerke für Mikromobilität vor allem im Gebäudemanagement, Heizung & Sanitätsservice, bei Schornsteinfegern, Elektrikern, Malern und Tischlern bestehen. In einem partizipatorischen Gestaltungsprozess entwickelte er zusammen mit Rolf Borgmann (Gebäudemanager) aus Lego Modelle. In Phase zwei des Prototypings wurde mit einem Holz-Modell der Praxistest gemacht.
Nach eingehender Evaluierung entstand das finale Design – der OnSpot –, ein Hybrid aus Sackkarre & Anhänger. Der OnSpot besteht letztlich aus einem Anhänger mit Grundgerüst und Klapptisch, den man an ein Fahrrad kuppeln kann, sowie einer Befestigungsplatte mit Systemboxen, wahlweise ergänzt durch E_Boxen.
Der Vorteil: Man kann ohne großes Umladen den OnSpot einfach zum Kunden mitnehmen und hat alles handlich griffbereit.
Patrick Wüst – Cold Data – Cloud unplugged
*Cold Data – Cloud unplugged, 2024, 116 Dias, Diafilm & Diarahmen, Leuchtvitrinen
Unsere Daten – Bilder, Videos oder andere Dokumente – speichern wir bevorzugt in der Cloud. Sollte das Smartphone gestohlen werden oder kaputtgehen, sind all diese Daten wiederherstellbar. Wir müssen uns um die Zugänglichkeit und sichere Speicherung unserer Daten folglich keine Sorgen machen. Diese Wolke umgibt uns und es erscheint uns, als sei sie wie die Luft zum Atmen – allgegenwärtig. Doch am 9. März 2021 wurde die Welt eines Besseren belehrt: In Straßburg fing das Rechenzentrum des Hosters OVH Feuer. Unzählige Daten fielen diesem verheerenden Brand zum Opfer und gingen unwiderruflich verloren. Das Internet besitzt eine physische Realität, die uns bis dahin kaum bewusst war. Datenverluste können gravierende Folgen haben – nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Unternehmen und Regierungen. Aber wie können wir uns davor schützen? Diese Fragestellung bildet den Ausgangspunkt des Projekts »Cold Data – Cloud unplugged«.
Das Projekt »Cold Data« von Patrick Wüst verfolgt das Ziel, ein alternatives Archiv zu schaffen – unabhängig von privatwirtschaftlich geführten Unternehmen. Dieses Archiv soll das World Memory um die persönlichen und individuellen Erfahrungen jedes Einzelnen erweitern. Dabei kommt die Cold-Data-Technik als Speichermethode zum Einsatz. Vom 15. Dezember 2024 bis zum 10. Februar 2025 dauerte ein öffentlicher Aufruf an, der dazu einlud, sich mit dem eigenen digitalen Erbe auseinanderzusetzen.
Die zentrale Frage lautete: Was wäre, wenn die Cloud aus unerfindlichen Gründen morgen gelöscht würde und all deine Bilder und Daten verloren gingen? Doch es gibt eine einmalige Chance: Du kannst genau ein Bild für die Ewigkeit bewahren. Welches wäre das – und warum? Mit dieser Frage setzten sich insgesamt über 100 Teilnehmende auseinander.
Das Projekt ist ein künstlerisches Experiment, das den individuellen Wert von Bildern in einer schnelllebigen und vulnerabel vergänglichen digitalen Welt erforscht.
Cold Data 2.0
Auch nach dem Einsendeschluss gehen weiterhin Beiträge ein. Aufgrund der großen Resonanz wird das Projekt »Cold Data« fortgeführt. Damit bleibt die Möglichkeit bestehen, Teil dieses Archivs zu werden und ein Bild für die Ewigkeit zu bewahren. In unregelmäßigen Abständen, sobald eine bestimmte Anzahl neuer Einsendungen vorliegt, werden diese in einer weiteren Ausgabe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht - Cold Data 2.0.
| Teil dieser Veranstaltung | ||
|---|---|---|
| Öffentliche Führung | 12/12/25 | 204 |
| Öffentliche Führung II | 17/01/26 | 205 |