was sichtbar wird - all I might see

16/07 15:00  →  24/10/26 18:00

Eröffnung am 15. Juli 2026
Gruppenausstellung Fotografie in Kooperation mit dem Studiengang Kommunikationsdesign
Kuratiert & betreut von: Prof.in Christine Erhard & Sven Christian Schuch (Künstlerischer Leiter sp ce | Muthesius)
Mit: Isabelle Dapperheld, Denis Foik, Marlene Krömer, Amelie Pechtold, Milla Pukall, Alexander Rudd, Leander Schroeder, Freya Stoermer, Marisa Velthuis

Die diesjährige Sommerausstellung im sp ce | Muthesius widmet sich ganz der Fotografie. Wie entstehen Bilder heutzutage angesichts einer stetigen Bilderflut? Wie generieren sie Aufmerksamkeit und Konzentration, anstatt das mediale Rauschen weiter zu verstärken?

In Kooperation mit dem Studiengang Kommunikationsdesign, betreut von Christine Erhard, Professorin für Fotografie an der Muthesius Kunsthochschule, entwickeln neun Studierende neue fotografische Arbeiten.

Im Zentrum steht die Frage, wie Bilder unter Bedingungen von Öffentlichkeit, Distanz und Aufmerksamkeit funktionieren, wenn sie nicht isoliert, sondern in Sequenzen, Serien und räumlichen Anordnungen erscheinen.

Im Moment des Ausstellens werden die Arbeiten nicht nur zum ersten Mal einer breiten Öffentlichkeit präsentiert, sie werden dabei gleichzeitig neu kontextualisiert. Sie fordern die Betrachter dazu auf, sich zu ihnen zu verhalten und regen einen Dialog an. Die Spanne an Themen ist geprägt durch die akuten Fragen einer jungen Generation, die sich mit den Mitteln der Fotografie eine vielschichtige Stimme verschafft.

Einzelarbeiten

Isabelle DapperheldPyrit, 2026

Plastik aus 3D-Druck, MDF mit Fotografien und Spiegelfolie

 

Vergrößerte mineralische Strukturen zeigen digitale Fotografien architektonischer Strukturen und spiegelnde Oberflächen. Jedes Objekt bezieht sich auf ein Gebäude in Kiel: die Bundesanstalt für Milchforschung, das Finanzamt sowie ein Gebäude am Bootshafen.

 

Durch die Überlagerung von mineralischer Form, fotografischem Bild und reflektierenden Oberflächen entstehen Verschiebungen von Maßstab und Perspektive. Die Arbeit untersucht formale Analogien, sowie die Wechselwirkung von Material, Oberfläche und räumlicher Wahrnehmung.



Denis Foik
Über Ornamente: Stein & Fragment, 2026

Smartphone-Galerie, Laserdruck Transferverfahren auf Steinplatten (1.232 / 7 / 40)

Aus Einzelaufnahmen der Smartphone-Galerie des Künstlers wurden ornamentale Kompositionen angeordnet, die in einem Transformationsprozess auf Steinplatten übertragen wurden.
Mit dem Zerbrechen der Steinplatten lösen sich die Ornamente aus ihrer ursprünglichen Form und erscheinen lediglich als Fragmente. Den Betrachtenden wird der Zugang zu den einzelnen Fotografien entzogen, und der Blick wird auf die Gesamtheit des Objekts fokussiert.

Die einzelnen Platten fügen sich zu einem steinernen Körper zusammen, der Spuren des Sammelns, Übertragens und der Verfremdung in sich trägt. Die Arbeit untersucht den Wandel ornamentaler Gestaltung und den zunehmenden Rückgang von Ornamenten im öffentlichen Raum.

 

Gleichzeitig begegnen sich zwei unterschiedliche Formen des Archivs: das flüchtige, digitale Bildgedächtnis der Smartphone-Galerie und der dauerhafte, schwere Stein. Zwischen Fotografie, Material und Fragment entsteht eine Auseinandersetzung mit Erinnerung, Transformation und der Frage, wie Ornamente bewahrt, verändert oder verloren gehen.

 


Marlene KrömerAlias, 2026
Mixed-Media aus 6 digitalisierten analogen Fotografien, Fototapete, Video (2:08 min)

Eine alte Getränkedose mit einem Loch.
Ein geheimer Blick auf eine gesichtslose Präsenz.

Die Arbeit Alias zeigt über Wochen gesammelte Portraits von der Kundschaft des Eros-Centers in Kiel. Mit selbst angefertigten Lochkameras, die mit einer Belichtungszeit von ca. sieben Tagen jede direkte Information über die Anwesenheit der Freier verschleiern, reflektiert dieses Projekt über Unsichtbarkeit bei gleichzeitiger Offensichtlichkeit und Beständigkeit der Institution Bordell.

Durch ein kleines Loch sehen wir alles und letztlich nichts. Die Fotografie überträgt hier die grundlegend systematische Ausbeutung (meist) weiblicher Körper in der Abbildung der Architektur. Die Anonymität, die Freier in dieser Gesellschaft genießen, ist nicht nur gesellschaftlicher Konsens, sie ist gesetzlich geschützt. Im Gegensatz zu den Sexarbeiter*innen gilt für sie keine Ausweispflicht, in der Regel agieren sie unter Decknamen.

In professionell strukturierten „Freier-Foren“ tauschen sie sich anonym im Internet über ihre Erlebnisse aus, pflegen Gewaltphantasien und stehen in Solidarität miteinander. Sowohl analog als auch digital, der Schutz der Freier hat System.


Amelie Pechtold
Stiller Konflikt, 2026
Aluminiumplatten, jeweils 74,5 x 56 cm

 

Was bleibt zurück, wenn etwas verschwinden soll? Die Arbeit richtet den Blick genau darauf: Flecken und Fragmente, eine Idee von dem, was unter der Farbschicht liegt. Entstanden im Kontext der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit 2025 in Saarbrücken, in dessen Vorfeld zahlreiche Graffiti im Stadtbild übermalt oder entfernt wurden.

 

Die Arbeit visualisiert den stillen Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach Sichtbarkeit und politischem Ausdruck sowie dessen Kontrolle durch städtische Behörden. Der Versuch eine Stadt nach außen zu

bereinigen und ruhig zu stellen hinterlässt jedoch Spuren, die eine eigenständige Botschaft senden. Fotografiert und in Metall graviert bleiben diese Bilder sichtbar.

 

Milla Pukallim Dunkeln tappen, 2026

Analoge s/w Abzüge auf seidenmatten Fotopapier, Barytpapier und analoger Negativfolie

 

Die Fotoserie zeigt eine experimentelle Auseinandersetzung mit dem Thema Dunkelheit. Sei es die Erinnerung als Kind, nachts im Dunkeln hektisch zum Klo zu huschen oder die Erfahrungen von FLINTA* Personen auf dem nächtlichen Heimweg.

 

Dunkelheit kann unterschiedlich starke Ängste oder Unsicherheiten auslösen. Alles ist im Dunkeln schließlich unsichtbarer. Auf technischer Ebene gilt diese Unsicherheit übertragen auch für die Fotokamera. Motive können durch weniger Licht schlechter fokussiert werden, die Belichtungszeit dauert länger, es kommt zu Unschärfen und Nullinformation.

 

In diesem Kontext, sind die Fotografien der Serie mal intuitiver, mal geplanter, in der dunklen Jahreszeit, entstanden. Durch die analoge Entwicklung der Bilder in der Dunkelkammer, zieht sich die Auseinandersetzung mit der Abwesenheit von Licht durch den ganzen Entstehungsprozess. Schatten und Kontraste stehen im Fokus und sind in der Präsentation unterschiedlich erfahrbar.

 

 


Alexander Rudd
Gemeinsam, 2026
Analoge Fotografie Mittelformat 6x6, analoge Abzüge jeweils 30 x 30 cm, gerahmt


Was treiben die da, hinter den Hügeln und Feldern? Die Fotoserie Gemeinsam ist eine fotografische Dokumentation einer Dorfgemeinschaft, versteckt in der Schleswig-Holsteinischen Idylle und befasst sich primär mit dem Zusammenkommen der Bewohner. Die Aufnahmen wurden analog in 6 x 6 cm Mittelformat gemacht und anschließend auf 30 x 30 cm vergrößert.

 

Sie zeigen alltägliche Interaktionen der Bewohner, vermeintliche Beiläufigkeiten wie Übungseinheiten der Freiwilligen Feuerwehr, eine Fahrradtour, Aktionen von gemeinsamen Grillen bis Entspannung mit Hund und Kegel. Diese Rituale formen letztlich Gemeinsinn und dienen dem Einüben sowie Gestalten von Realität im Analogen, jenseits digitaler Räume. Der beschauliche Ort liefert die Basis zwischenmenschlicher und intergenerationaler Verhandlungsräume, die Weitergabe von Wissen im Überschaubaren und damit einen wesentlichen Beitrag für demokratisches Grundverständnis.

 




Leander Schroederdavor & danach, 2026

Fotografien 60 x 90 cm, selbstgebaute Passive-Lautsprecheranlage, Sound

 

Zwei Fotografien lehnen an der Wand des Ausstellungsraums. Die Wahl des Ilford-Matt-Papiers verleiht den Bildern eine stoffliche, fast haptische Struktur. Sie zeigen den identischen Ausschnitt einer Wiese – exakt derselbe Blickwinkel, dieselbe Bodentextur, doch getrennt durch einen Zeitraum von genau 48 Stunden. Das erste Bild zeigt die unberührte, ruhende Grasnarbe vor einem Festival, das zweite die zertrampelte, zermürbte Erde danach. In dieser minimalen, fast dokumentarischen Differenz verdichtet sich die Geschichte einer kollektiven Ekstase.

 

In direkter Nachbarschaft steht eine skulpturale, selbstgebaute Lautsprecheranlage. Mit ihren zwei 15-Zoll-Subwoofern, einem markanten 12-Zoll-Mitteltöner und einem kunstvoll-bunten Hochtonhorn ist sie ein archaisches Relikt jener Open-Air-Kultur. Sie bespielt einmal täglich den Raum mit einer 30-minütigen Soundcollage: Die verhallte Atmosphäre eines Dancefloors, Musikfragmente und Gesprächsfetzen strömen aus den Boxen.

 

Die Installation versucht damit ein Porträt des Dancefloors zu schaffen – doch nicht seiner Besucher, sondern der Erfahrung selbst. Es fängt jene intimen, flüchtigen Momente purer Verausgabung ein, die sich der allgegenwärtigen Dokumentation durch Smartphones entziehen und nur im kollektiven

Körpergefühl erfahrbar sind.

 




Freya Stoermera growing collection of trouble, 2026
Videoinstallation, Sound

a growing collection of trouble ist eine Videoinstallation über Momente des Unbehagens. Flimmernd zwischen Schärfe und Punktwolken bewegen sich Kamerafahrten durch Gaussian-Splat-Scans. Bilder frieren ein, buffern, unterbrechen sich selbst. Im Stocken verhandeln sie die operative Transparenz sozialer und technischer Systeme in alltäglichen Szenen.

 

Über Bilder denkend sinnt die Arbeit nach einem Ausweg aus Binaritäten und strengen Regimenten. Während in unsicheren Zeiten eindeutige Kategorien an Beliebtheit gewinnen und das Ungewisse, Undefinierte und das Dazwischen zunehmend Gefahr laufen, eingenormt zu werden, sucht diese Arbeit nach einer Sprache für das, was sich nicht greifen lassen möchte. 

 

Für Körper im Dazwischen, Außerhalb und Mittendrin. Beginnend in ganz konkreten und alltäglichen Situationen hin zu kollektiven Ideen.

 



Marisa VelthuisParavent, 2026
Begehbare Installation, Fotografien auf Leinwand, je 198 × 108 cm, Holzrahmen

 

Die Arbeit zeigt Fotografien von FLINTA*-Personen in ihrem häuslichen Kontext. Der Paravent schafft einen eigenen Raum und ermöglicht eine Neuordnung von Blick und Gegenblick. In der räumlichen Anordnung treten die einzelnen Porträts miteinander in Beziehung. Sie bilden ein gemeinsames Gegenüber, das den Blick erwidert und die Betrachtenden in den Fokus nimmt.

Der Paravent bietet Privatheit in einem öffentlichen Ort und dient hier als Objekt des Schutzes. So wird der Raum selbst zum Träger der fotografischen Arbeit und erweitert die Porträts um eine räumliche Erfahrung.

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